Manche Geschichten bleiben
Vor einiger Zeit hatte ich ein Telefongespräch mit Stephanie Stadelmann. Es war eines dieser Gespräche, die nicht einfach vorbei sind, wenn man auflegt. Ihre Geschichte ist mir geblieben und hat mich sehr berührt.
Stephanie hat ihre kleine Tochter verloren.
Ihre Tochter ist an einem Luftballon erstickt. Stephanie erkannte die Situation sofort, leistete Erste Hilfe und auch der Rettungsdienst war innerhalb weniger Minuten vor Ort. Trotzdem konnte ihre Tochter nicht gerettet werden.
Ich kann diesen Schmerz nicht nachempfinden. Und ich möchte auch nicht behaupten, zu wissen, wie es sich anfühlt, sein eigenes Kind zu verlieren. Ich kann mir nur vorstellen, dass es zu den schlimmsten Erfahrungen gehört, die Eltern durchleben können.
Manchmal braucht es keine Analyse
Wenn ein Mensch einen solchen Verlust erlebt, braucht er meiner Meinung nach vor allem eines: Empathie, Verständnis und Unterstützung.
Was es in diesem Moment nicht braucht, sind Fragen wie:
Warum konnte sie nicht gerettet werden?
Wurde richtig reagiert?
Wusste man, wie man Erste Hilfe leistet?
Hätte man noch etwas anderes tun können?
Gerade weil ich selbst aus der Notfallmedizin komme und Erste-Hilfe-Kurse gebe, ist mir dieser Punkt wichtig.
Wir sind es gewohnt, Situationen zu analysieren. Wir wollen verstehen, was passiert ist. Wir suchen nach Erklärungen und manchmal auch nach dem Moment, an dem etwas hätte anders laufen können.
Aber nicht jede Situation braucht von aussen eine Analyse.
Solche Fragen können bei betroffenen Eltern Selbstvorwürfe verstärken und einen ohnehin kaum vorstellbaren Schmerz noch schwerer machen.
Manchmal ist es viel wichtiger, einfach da zu sein.
Über etwas sprechen, das wir lieber nicht hören möchten
Genau darüber haben Stephanie und ich später auch auf Instagram gesprochen.
Der Tod eines kleinen Kindes ist ein Thema, mit dem sich niemand gerne beschäftigt. Es ist traurig. Es macht uns betroffen. Vielleicht macht es uns sogar Angst.
Wir hören lieber Geschichten, die gut ausgehen.
Doch leider ist das nicht immer die Realität.
Und vielleicht ist genau deshalb wichtig, dass auch diese Geschichten einen Platz bekommen dürfen, nicht um Angst zu machen, sondern um hinzusehen und den Menschen hinter der Geschichte nicht alleine zu lassen.
Aus einem unfassbaren Verlust
Stephanie hat ihre Geschichte in einem Buch festgehalten, das ich lesen durfte.
Dieses Buch hat mich sehr berührt. Es gibt Einblick in etwas, das sich kaum in Worte fassen lässt, in Verlust, Trauer und in ein Leben, das danach irgendwie weitergehen muss.
Was mich an Stephanie besonders beeindruckt hat: Sie gibt ihrer Geschichte heute Raum und begleitet auch andere Menschen in schweren Momenten. Unter anderem hält sie Trauerreden.
Aus einem unfassbaren persönlichen Verlust ist etwas entstanden, mit dem sie anderen Menschen begegnet und ihnen in schwierigen Zeiten etwas geben kann.
Unser Gespräch und ihre Geschichte haben mich daran erinnert, dass Erste Hilfe nicht immer bedeutet, eine Situation retten zu können.
Wir können richtig handeln. Wir können alles tun, was wir gelernt haben. Und trotzdem gibt es Situationen, in denen ein Mensch nicht gerettet werden kann.
Erste Hilfe bedeutet deshalb für mich nicht nur zu wissen, was zu tun ist. Sie bedeutet auch, danach menschlich zu bleiben.
Simone Mohr
Simone Mohr ist Anästhesie-Expertin und Gründerin von MOHRCARE®. Mit ihrem Team bringt sie medizinische Expertise direkt in Unternehmen und Familien.
